Klaus Wolf ist immer fröhlich. Er winkt seinen Mitmenschen zu, wenn er ihnen begegnet. So lange wie kein anderer gehört er zum SRH Berufsbildungswerk Dresden. Seit 50 Jahren kümmert sich Klaus Wolf mit seinem Team darum, auf dem Campus des Berufsbildungswerkes Dresden Ordnung zu halten. Seit 50 Jahren! Am 30. April wird er seinen letzten Arbeitstag haben. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er weiter gemacht. Doch es wäre unvernünftig. Er hat sich den Ruhestand verdient. Obwohl ihm ein bisschen bange ist vor diesen Tagen, an denen die 50 Jahre andauernde Routine nicht mehr sein, er nicht mehr den Hügel zum Campus hinauflaufen und in die blaue Latzhose schlüpfen wird. Seine Arbeit war das große Glück seines Lebens.
Besuch der Sonderschule
In den 1960er Jahren besucht Klaus Wolf Kindergarten und Schule. „Ich bin erstmal auf eine normale Schule gegangen. Doch alle haben gesagt, dass ich dort nicht hingehöre. Ich kann nicht so denken wie andere Menschen.“ Vermutlich seit Geburt ist er kognitiv stark beeinträchtigt.
Klaus Wolf ist Analphabet. Er hat nie Schreiben und Lesen gelernt und ist auf Unterstützung angewiesen. Glücklicherweise ist er selbstbewusst genug und scheut nicht, seine Mitmenschen um Hilfe zu bitten, wenn Buchstaben eine Hürde sind.
Nach der achten Klasse verlässt er die Sonderschule, 1976 beginnt er seine Arbeit im Rehabilitationszentrum für Berufsbildung, wie das Berufsbildungswerk Dresden damals heißt. Er ist einer der ersten Mitarbeiter der Gruppe Hausdienst und erledigt einfach strukturierte, dennoch unverzichtbare Tätigkeiten auf dem Gelände.
Wie Klaus Wolf haben sämtliche seiner Kolleginnen und Kollegen kognitive Beeinträchtigungen. Die Gruppe Hausdienst ermöglicht ihnen eine sinnhafte Arbeit, eine geregelte Tagesstruktur, Teilhabe an der Gesellschaft und ein selbstbestimmtes Leben. „An diesem Anspruch hat sich nichts geändert“, sagt die heutige Leiterin Anne Sander. Es ist der Anspruch des Unternehmens. Am Weiterbestand dieses besonderen Teams gab und gibt es keine Zweifel. Auch Klaus Wolfs Stelle wird wieder neu besetzt.
„Von Anfang an haben wir bei Hausmeisteraufgaben und Reinigungsarbeiten geholfen“, erzählt er. Sie fegen Wege, zupfen Unkraut, reinigen Sanitäranlagen, Büros, Ausbildungsräume, Speisesaal. Sie beseitigen Müll, waschen Gardinen, rechen Laub und schippen Schnee. K
Nach der Wende: Gruppe Hausdienst
Nach dem Ende der DDR und der Übernahme des Rehabilitationszentrums durch die SRH im Jahr 1991 bleibt Klaus Wolf in der Gruppe Hausdienst im Dienst. Im Laufe der Jahre verändert sich der Campus, Gebäude verschwinden und entstehen neu. Seine Arbeitszeiten reduzieren sich, die Vorgesetzten wechseln, die Arbeitsbedingungen werden leichter, Abläufe ändern sich. Für Klaus Wolf und seine acht Kolleg:innen bleibt angepasst an ihre Fähigkeiten genug zu tun. „Bei der Innenrunde kümmern wir uns um WCs und Küchen, wechseln Handtuchrollen, Toilettenpapier und Seifen aus. Bei der Außenrunde leeren wir Papierkörbe und fegen Eingänge.“ Kräftig anpacken muss er für die Wäscheberge. Regelmäßig werden neue Bettwäschestapel ins Wohnheim gebracht und benutzte Wäsche wieder abgeholt.
Ein selbstständiges Leben
In Campusnähe lebt Klaus Wolf in einer kleinen Wohnung. Seine gesetzliche Vertreterin kümmert sich um alles Vertragliche und Finanzielle. Seine Begleiterin von der Lebenshilfe unterstützt beim Einkaufen von Lebensmitteln und Kleidung, eine Reinigungskraft hilft ihm, die Wohnung sauber zu halten. Und doch meistert er den Alltag weitgehend allein.
Mehr als nur Arbeit
Seine verlässlichste Konstante seit 50 Jahren ist die Arbeit in der Gruppe Hausdienst. „Früh treffen wir uns am großen Tisch, da werden die Aufgaben verteilt und los geht’s“, sagt Klaus Wolf. Doch die Gruppe ist so viel mehr als Arbeit. Da sind Gespräche mit vertrauten Menschen, mit denen er lacht und Sorgen teilen kann, da ist die große Vertrautheit, wohlwissend, dass sie alle verschieden sind, alle ihre lebenswürdigen Besonderheiten und Macken haben. Da sind gemeinsame Mittagsrunden, Gruppenausflüge, Bowlingabende, Theaterbesuche, Geburtstage.
In der Gruppe Hausdienst hat Klaus Wolf fast sein gesamtes Erwachsenenleben verbracht, mit dieser unerschütterlichen Gewissheit, wichtig zu sein, einem Team anzugehören, gebraucht und gehört zu werden. „Ich habe 50 Jahre lang eine wichtige Arbeit gemacht, ohne uns würde der Campus nicht so gut aussehen, wie er aussieht.“
Am 30. April wird er das letzte Mal in die blaue Latzhose schlüpfen. Klaus Wolf ist mittlerweile 68 Jahre alt, der Körper verlangt nach weniger körperlicher Anstrengung. „Das wird schon eine Umstellung werden, wenn ich nicht mehr jeden Tag herkommen werde“, so Klaus Wolf. Er wird sich neu einrichten müssen im Leben, doch sicher ist: er wird weiterhin auf dem Campus vorbeischauen, öfter in der Mensa essen, Menschen anlächeln und in einen Plausch verwickeln. Das darf nach 50 Jahren Betriebszugehörigkeit wohl erlaubt sein.
